Trainer im Gespräch

"Der Respekt von Spielern zum Verein ist kaum noch vorhanden"

02. November 2020, 20:30 Uhr

Er ist aktuell das Gesicht der Spvg 20 Brakel und ohne ihn würd an der Nethe nicht viel laufen. Die Rede ist von Thorsten Kraut. Der Jugendleiter der Rot/Schwarzen rührt an der Nethe in vielen Töpfen und hatte im Gespräch mit FuBaNews viel zu erzählen. 

Thorsten. Im Jahr 2013 wurdest du als C-Jugend Trainer geholt und bist nun Jugendobmann und Trainer der C- und B- Jugend. Wie würdest du die letzten 7 Jahre beschreiben, was ist dir besonders präsent und wie bewertest du die Entwicklung der Spvg im Jugend und Herrenbereich?

Thorsten Kraut: "Es ist eine aufregende Zeit. Die Wege, die mit vielen Teams erreicht worden sind, die Beständigkeit, die Erfolge, aber auch die Rückschläge, waren sehr prägend und lehrreich. Es ist vor allem eine phantastische Zeit in Bildern, die man sich immer wieder vor Augen führen kann. Spieler, mit denen man 2013 angefangen hat, die nun "neben" einem als Trainer, Co-Trainer in der Jugend stehen, spielen, erfolgreich sind, Stützen dieser ersten Mannschaft, Stützen aber auch in starken Teams im Kreis Höxter, sind eine unglaublich motivierende Sache. Mittlerweile bei den 2009ern angelangt, sprich 10 Jahre Unterschied zum Aufstiegsjahrgang 99. Wenn man mit diesen Jungs auf dem Feld steht, trainiert, merkt man wie die Zeit vorbei geflogen ist. Es bleibt natürlich Futsal das Highlight. Platz 3 und 6 bei den deutschen Futsal Meisterschaften. Drei Westdeutsche Titel, sieben Westfalen Meisterschaften mit verschiedenen Jahrgängen, darauf ist man natürlich Stolz. Aber auch auf die Entwicklung von Spielern wie Tom Wulf oder Valentin Siepler, die sich bei RB Leipzig als absolute Führungsspieler, aber vor allem bodenständige Jungs durchgesetzt haben und dort auch als Vorbild gelten. 

Wir sind, wie in jedem Jahr, immer vor einer großen Herausforderung diese Ligen zu bestehen, zu behalten, aber vor allem auch nachhaltig zu gewährleisten. Das wird von Jahr zu Jahr natürlich nicht leichter, auch hier gilt es sich Dingen anzupassen, aber auch die Vergangenheit als Lehre zu nehmen, um in der Zukunft richtige Schritte zu absolvieren, die oft viel früher schon besser ausgeführt werden müssen. Der Seniorenbereich ist zum Teil eine große Enttäuschung. Wie oft Vereine insgesamt bittere Pillen schlucken müssen, um Dinge ggf. zu akzeptieren, weil diese Selbstverständlichkeit von früher nicht mehr da ist, ist nicht mehr lustig. Der Respekt von Spielern zum Verein ist kaum noch vorhanden. Vereine sind oft Dingen, manchmal sogar hilflos, diesem ausgesetzt. Das ist ein großes Problem in der Gesellschaft, was die Corona-Krise alles nicht einfacher machen wird."

Mit der C Jugend spielt ihr diese Saison in der Westfalenliga und der Bezirksliga. Bei beiden Mannschaften hapert es zur Zeit sehr. Wie schätzt du die bisherigen Saisonverläufe eine?

Thorsten Kraut: "Ehrlich gesagt ist die Situation keine Überraschung. Wir haben ein wichtiges Detail nicht absolvieren können im Sommer, konnten das erst im Oktober nachholen. Wir wussten das es schwer wird, haben aber nur Jungs, die es wollen und wollten. Die beiden Kader sind mit 32 Jungs für zwei Teams sehr schmal und bewusst schmal gehalten, körperlich sehr klein und jung. Die Entwicklung wird eben Zeit brauchen. Es ist keine Mannschaft die 16 Neuzugänge mit 1,80 Meter Durchschnitt hat. Aber es ist ein phantastischer Kader, der nahezu an 95% Trainingsbeteiligung kommt und unglaubliche Begeisterung und Emotionen ausstrahlt. Die Westfalenliga ist, im Gegensatz zu vor zwei Jahren, eine deutlich rauere Liga geworden, was natürlich am vermehrten Aufstieg in die Regionalliga West (26 Teams) liegt. Damit müssen wir leben und können wir auch. Wir waren in der WL in keinem Spiel hoffnungslos unterlegen, hätten in Jerxen, Siegen, Wattenscheid punkten können, bis müssen. Hätten wir das Spiel gegen Wiedenbrück später gespielt, hätten wir es nicht verloren. In der Bezirksliga fehlt den Jungs eben auch, als klar jüngere und körperlich kleinere Jahrgang, eben oft Nuancen oder bestimmte Positionen. Hier muss man schon fair relativieren, hat man mindestens, auch jetzt schon, zwei Spiele verschenkt und hätten wir schon erwartet etwas besser dazu stehen, was die letzte Partie ja auch gezeigt hat."

Beide C-Mannschaften stehen mit null Punkten und einem Torverhältnis von 3:12 (WL) und 2:12 (BZ) dar. Wie erklärst du die Ladehemmungen in der Offensive und die vielen Gegentore.

Thorsten Kraut: "Gerade bei der CI haben wir von 12 Gegentoren, gleich sechs Tore nach Standards kassiert. Das hat natürlich zum einen mit dem körperlichen Vorteil, andererseits auch mit fehlender Cleverness zu tun. Wir haben mit Fynn Neumann, wie auch in der CII mit Noel Schrick, zwei 2007er (Jungjahrgänge) als Torhüter. Das ist für beide Ligen eben eine Herausforderung. Fynn ist ein hoch veranlagter spielender Torwart, Noel ein echter Torwart, beide haben unglaublich viel Erfahrung sammeln müssen. Wie wichtig Torhüter für das gesamte sind, haben in der Vergangenheit Denis Kisselev, Kai Siewers, Moritz Wiegand gezeigt. Es geht ja nicht nur um das halten der Bälle, es geht um das sortieren der Mannschaft, um das fordern und fördern. Die CII, obwohl sie mit 2007er und 2008ern gespielt hat, hat im letzten Spiel vor dem "Break" gezeigt was in ihnen steckt. 6:0 gegen einen direkten Kontrahenten, mit vielen Altjahrgängen und das hoch verdient, zeigen was wir ihnen auch mit gegeben haben. Sie haben sich von den Spielen und Niederlagen nicht abbringen lassen und im Trainingslager genau das mitgenommen, was noch gefehlt hat. Allerdings wird es immer wieder Rückschläge geben, damit werden wir rechnen und umgehen."

Aktuell warst du mit deiner C-Jugend im Trainingslager. Wird das die Initialzündung für die kommenden Woche, um endlich zu Punkten?

Thorsten Kraut: "Das hat die Partie gegen Spexard gezeigt. Es war genau der Punkt, der im Sommer gefehlt hat und die Jungs zu einer absoluten Einheit werden lassen. Wir leben nicht in einer Großstadt, wo 250.000 Einwohner sind, wir leben auf dem flachen Land, wo es eben etwas geduldiger von statten geht. Konkurrenz belebt das ganze oft, kann es aber auch zerstören. Am Ende des Tages wollen wir natürlich auch Entwicklung sehen und die ist als Team absolut vorhanden, dass sind eben nicht immer Punkte oder Tore, die eine Entwicklung zeigen."

Zusätzlich trainierst du zusammen mit Merdan die B-Jugend Landesliga. Nach dem 1:2 Auswärtssieg bei der DSC Arminia Bielefeld Reserve gab es eine Niederlage und ein Unentschieden. Was sagst du zu dem Leistungsabfall nach dem Sieg über Bielefeld.

Thorsten Kraut: "Die B-Jugend hat sicher das bitterste Los gezogen, Vorbildliches Verhalten, tolle Vorbereitung, voller Leidenschaft und Energie. Erste Spieltag 0:6 Auswärts in Greven gewonnen und plötzlich Stecker raus, durch Coronafall in Greven. Wir konnten drei Wochen praktisch nicht wirklich mehr trainieren, mussten zum Teil Jungs in Quarantäne schicken. Das wir dann in Bielefeld gewonnen haben, war wohl vor allem der Energie und Motivation der Jungs zu verdanken, aber es war klar das die vorherige Zeit nicht einfach an uns vorbei geht. Die Niederlage in Delbrück war bitter und unnötig, aber dafür konnten die Jungs nur bedingt was, Rödinghausen hat ein Klasse Spiel gemacht, wir uns am Ende aber einen Punkt verdient und gegen Münster hätte es nur einen Sieger geben dürfen, aber Spiele gewinnt man eben nicht nur vorne. Aber auch hier stimmt alles, trotz verlorener Punkte, ist der gesamte Weg positiv."

Als Jugendobmann kümmerst du dich zusätzlich auch um die anderen Mannschaften im Jugendbereich von den Minikickern bis zur A-Jugend. Wieso ist die Spielvereingung seit Jahren das Maß aller Dinge des Jugendbereiches im Kreis Höxter.

Thorsten Kraut: "Klare Sache ist, es ist und sollte ein Zusammenspiel aller sein, nicht nur von uns. Ich denke schon das wir wirklich hoch engagierte Arbeit machen und die letzten Jahre das ja auch in ihrer Beständigkeit gezeigt haben. Wir haben in diesem Jahr wohl die engagiertesten Trainerteams seit dem ich hier in Brakel bin und es ist unglaublich was alle für Zeit und Aufwand betreiben, um die Jungs und Mädchen voran zu bringen. Alleine das Projekt der Mädchen ist eine grandiose Sache, ist der Mädchenfußball im Kreis doch fast beim Kollaps angelangt. Auf das können wir, in Zusammenarbeit mit Bökendorf, Bad Driburg und Ottbergen-Bruchhausen besonders Stolz sein und sollte ein absolutes Beispiel für alles andere sein. Mit Richard Moritz haben wir einen "Klopp 2.0", der einen Aufwand für dieses Projekt auf sich nimmt, der seines Gleichen sucht. Das von der A-Jugend bis zu den Minikickern einem Jugendobmann jedes Kind bekannt sein sollte, ist glaube ich die Basis für alles. Aber alleine schafft man dieses natürlich nicht, es ist ein Zusammenspiel von Bernd Övermöhle bei den G-Junioren bis Arthur Wiebe und Darius Steiner bei den A-Junioren, was am Ende bei den Senioren, um Haydar Özdemir endet. Schon jetzt haben A-Juniorenspieler Senioren Landesligaluft geschnuppert oder sogar beständig Einsatz gehabt. Gerade beim Sieg in Hövelhof waren neben den A-Junioren, mit Finn Nolte, Marvin Fenske, Christopher Kleine, Matti Rohde, Lars Koch, Jonas Böhner, Anton Böke und Raphael Polczyk Spieler dabei, die gerade aus der A-Jugend sind, ein Jahr im Seniorenbereich sind oder noch A-Junioren spielen. Da muss man Haydar ein großes Kompliment machen, der wie Burkhard Sturm zuvor, diesen jungen Weg total unterstützt. Das wir natürlich von anderen Vereinen, die auch tolle Basis legen oder mehr, profitieren, spricht für uns und für die Vereine. Unsere Zugehörigkeit der Spieler, wie Jonas Böhner oder Lars Koch, die seit der D-Jugend bei uns sind unter anderem spricht ja auch für die Jungs und uns. Trotzdem haben viele Jungs den Kontakt untereinander im Kreis ja auch nicht verloren."

Aktuell steht die zweite Mannschaft mit null Punkten und einem Torverhältnis von 4:42 auf dem letzten Tabellenplatz. Wie beurteilst du den bisherigen Saisonverlauf der Brakeler Bezirksliga Herren.

Thorsten Kraut: "Natürlich bitter. Eine unfassbar bittere Situation, wie sie entstanden ist. Aber es ist natürlich nicht nur eine Leere, sondern auch eine Lehre. Ich denke ein Abstieg in die Kreisliga A ist kein Beinbruch. Es geht darum, wenn möglich, sich ordentlich aus dieser Liga zu verabschieden und in den Spielen anzutreten. Es ist eben schwer zwei Teams überkreislich im Seniorenbereich spielen zu lassen, vor allem wenn man sich bestimmte Sachen auf die Leitfahne geschrieben hat. Hier müssen wir die Situation als Verein akzeptieren und das beste aus der Situation machen. Alle zusammen anpacken und dann geht es in der Kreisliga A weiter. Man muss es als Perspektive sehen. Die Kreisliga A ist ja auch kein Beinbruch, noch vor vier Jahren war die zweite kurz vor dem Weg in die C-Liga, es wäre sicher ein Kollaps gewesen, so haben wir eine zweite Mannschaft in der Bezirksliga und eine dritte die in der Kreisliga C positiv von sich reden macht. Ich denke das andere große Vereine den Weg kennen, wir schwer eben zwei Senioren Teams geworden sind, was man ja auch den Ligen erkennen kann."

Kann die Truppe von Norbert Dölitzsch, nach dem mehr als enttäuschenden Saisonstart, noch irgendwie die Kurve bekommen? -wenn ja, wie?

Thorsten Kraut: "Die Kurve kann nur sein, sich ordentlich zu präsentieren, in jedem Spiel anzutreten und nicht unbedingt auf den Klassenerhalt zu schauen. Die Mannschaft hat, dass kam hinzu, auch ordentlich Pech gehabt bei Verletzungen. Nicht ein Spiel konnte in bester Besetzung angetreten werden, dazu konnte die erste Mannschaft, aufgrund der eigenen Pechsträhne, wenig Unterstützung geben. Alles in allem wäre in dieser Bezirksliga, wenn mal alle sich als Charakterspieler gezeigt hätten und vielleicht auch die eine oder andere Verletzung nicht gewesen wäre, locker was drin. Die Liga ist ja nicht stärker geworden, wir eben nur schwächer, dass muss man einfach klar so sehen. Dann gilt es eben andere Tugenden an den Tag zu legen, die müssen wir eben noch zeigen."

Wie sehr hat und wird Corona den Amateurfußball verändern?

Thorsten Kraut: "Für mich persönlich hat nicht Corona den Amateurfußball verändert, sondern eher die Gesellschaft. Corona ist ein Virus den wir akzeptieren müssen und nicht für Dinge verantwortlich machen können, die schon vorher falsch waren. Wer Bock auf Fußball hat, hat Bock auf Fußball. Wobei hier sicher alle Sportarten zu Nennen sind. Ich finde das die Bundesregierung Pauschal die Vereine, dass Ehrenamt und alles was dazu gehört, viel mehr unterstützen müssten. Es gibt hier Ehrenamtliche die 70 Jahre gefühlt für ihren Verein, egal ob Schützenverein, Badminton, Handball, Tennis oder eben Fußball alles gegeben haben. Diese ehrenamtliche Arbeit sollte viel mehr anerkannt werden. Vereine sind der Nährboden einer funktionierenden Gesellschaft. Vor der Playstation lerne ich keinen Respekt, Anstand, Selbstständigkeit. Menschen die Jahrzehnte für Vereine alles gegeben haben, müssen zum Teil mit ansehen wie kleine Vereine den Bach runter gehen, hier ist der Hebel anzusetzen. An Corona kann man doch erkennen wie "krank" die Gesellschaft zum Teil ist. Da gilt es Abstand, Mundschutz und Sauberkeit zu halten, Hygiene zu leben und was machen Teile der Menschen in Deutschland, sie machen sich lächerlich über Hygiene Schutz und Abstand und treten es mit Füßen, anstatt es Kindern als Vorbilder vor zu leben. Hätte die Gesellschaft dafür gesorgt, sich an diese Maßnahmen vorher und nachher zu halten, würden wir auch im November noch Fußball spielen. Man darf doch nicht den Fehler machen Corona dafür verantwortlich zu machen, man muss den Fehler da suchen, wo Regeln nicht eingehalten werden. Deutschland ist 1954 Weltmeister geworden, weil ein Team als Vorbild voran gegangen ist und das hat den Menschen Mut gegeben und hat die Vereinsgesellschaft von heute aufbauen lassen. Jetzt nehmen wir einen Virus als Ausrede für unser schlechtes Verhalten. Die Verlierer sind die, die tag täglich nun mit Maske in der Klasse sitzen und vermutlich sich an alle Regeln gehalten haben, in volle Busse und Züge gequetscht worden sind."

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