Spielerin im Gespräch

“Hier weht ein anderer Wind”

17. November 2020, 07:55 Uhr

Carlotta Wamser, 17-jähriges Top-Talent im Frauenfußball,  mischt die Frauen-Bundesliga richtig auf. Die Bad Salzuflerin wechselte von der Spielvereinigung 20 Brakel zur SGS Essen.  In Essen geht Wamser auf Tor- und Punktejagd und hat nach der Auszeichnung der Fritz-Walter-Medaille in Bronze eine große Zukunft vor sich. 

Du spielst aktuell in deinem ersten Jahr bei den Frauen und bist direkt in der Bundesliga bei der SGS Essen aktiv. Wie gefällt es dir und wie sind deine ersten Eindrücke beim „neuen“ Verein?

Carlotta Wamser: “Ich bin in Essen super aufgenommen worden, ich habe aber auch sofort gemerkt, daß hier „ein anderer Wind weht“. Der Verein ist auf der einen Seite sehr „familiär“ aufgestellt, andererseits verfügt die SGS Essen jedoch auch über Strukturen, die ich bisher nicht kannte. Neben Cheftrainer Markus Högner gibt es weitere Funktionstrainer, zudem spezielle Athletiktrainer, Physiotherapeuten und eine Reihe weiterer Personen rund um die Mannschaft, die dem Team ein professionelles Umfeld ermöglichen. Zusätzlich erhalte ich montags ein individuelles Training mit Videoanlayse und speziellen Trainingsinhalten.”

Du warst in den vergangenen Jahren bei der SpVg Brakel unterwegs und hast dort bei den Jungs gespielt. In wie weit hat dich die Zeit menschlich und fußballerisch geprägt?

Carlotta Wamser: “Die Zeit in Brakel war für mich eine optimale Vorbereitung für die Bundesliga. Bei den Jungs musste ich mich durchbeißen, denn da zählte nur Leistung. Ich bin den Jungs und deren Eltern bis heute sehr dankbar, dass sie mich so als Mädel akzeptiert haben. Es ist sicherlich nicht einfach ein Mädchen in den Reihen einer „Männersportart“ zu haben. Ich merke allerdings jetzt, dass ich den Sport, Siege und Niederlagen doch nochmal ganz anders in und mit der Mannschaft erlebe. Bei den Jungs hatte ich ja immer meine eigene Kabine und war somit nach den Spielen immer alleine. Das ist jetzt ganz anders und ein vollkommen neues Gefühl.”

Es gibt immer viele Diskussionen zum Niveau des Fußballs von Frauen und den Männern. Du hast beide erlebt, gibt es für dich wirklich die großen Unterschiede, oder bewegen sich beide auf ähnlichem Niveau auf taktischer Ebene.

Carlotta Wamser: “Das Spiel bei den Männern ist schon körperbetonter und da habe ich beim Saisonstart auch Umstellungsprobleme gehabt. In den ersten beiden Spielen habe ich direkt einen Elfmeter verursacht bzw. 2 gelbe Karten bekommen. Auch die Schnelligkeit mit und ohne Ball ist eine andere. Auch hier muss ich jetzt lernen, Pässe mit einem anderen Druck und Richtung zu spielen. Frauenfußball steht in taktischer Hinsicht den Männern jedoch in Nichts nach.”

Dieses Jahr hast du zusätzlich die Fritz-Walter-Medaille in Bronze gewonnen. Wie stolz bist du auf diese Auszeichnung? Hast du mit damit gerechnet oder war es für dich dann doch eher überraschend.

Carlotta Wamser: “Als mich meine Nationalmannschaftstrainerin angerufen hat und mir die Nachricht überbrachte, konnte ich ehrlich gesagt mit dieser Auszeichnung nichts anfangen. Ich kannte diese Medaille nicht. Ich habe dann erstmal gegoogelt und war völlig überrascht. Ich konnte es erst gar nicht glauben, v.a. weil mein Name in Zusammenhang mit so vielen bekannten Namen genannt wurde. Im Nachhinein bin ich wahnsinnig stolz darauf und es ist für mich ein großer Ansporn, weiter Gas zu geben. Ich empfinde es auch als große Wertschätzung für meine bisherigen Leistungen.”

Mit dem Wechsel zur SGS hat sich sicherlich auch dein Tagesablauf stark verändert. Wie bekommst du alles unter einen Hut und wie sieht ein typischer Tagesablauf bei dir aus?

Carlotta Wamser: “Da ich noch Schülerin bin kann ich im Gegensatz zu vielen Mannschaftskolleginnen leider nur einmal täglich mit der Mannschaft trainieren. Viertel nach Fünf stehe ich auf und fahre zur Schule, um im Kraftraum meine erste Einheit zu absolvieren. Manchmal steht auch Schnelligkeits- und Koordinationstraining in der Halle an. Nach der Schule geht es mit dem Zug nach Essen, hier mache ich meine Hausaufgaben bzw. lerne für Arbeiten. Gegen 17:00 Uhr ist Training, anschließend geht es um 20:00 Uhr auf die Heimreise, der Tag endet um 22:30 Uhr.”

Wenn du mal in die Zukunft blickst hast du sicherlich noch viele Möglichkeiten, die dir offen stehen. Welche Ziele hast du dir persönlich kurz und langfristig gesetzt?

Carlotta Wamser: “Ich möchte mich zunächst einmal in der Bundesliga etablieren und möglichst viele Einsätze bekommen. In knapp zwei Jahren mache ich mein Abitur, bis dahin brauche ich mir keine weiteren Ziele setzen.”

Nun sind die ersten Monate bei der SGS vergangen und die Essener waren sicherlich nicht die einzigen Interessenten. Bereust du den Schritt zur SGS, oder würdest du den Weg nochmal so einschlagen.

Carlotta Wamser: “Neben Essen gab es auch andere Vereine, die sich um mich bemüht haben und es war nicht so leicht für mich, eine Entscheidung zu treffen. Letztendlich war für mich der sportliche Aspekt entscheidend und die Tatsache, daß ich mein privates und schulisches Umfeld behalten konnte.”

Ihr befindet euch aktuell auf dem achten Tabellenplatz. Wie zufrieden bist du mit deiner und der Teamleistung in dieser Saison. Ihr musstet ja auch schon den Dämpfer mit dem Ausscheiden im DFB-Pokal gegen einen Zweitligisten in Kauf nehmen.

Carlotta Wamser: “Wir haben die jüngste Mannschaft der Liga und einen großen Kader, der Konkurrenzkampf ist groß. Ich denke, daß wir in der Liga von Spiel zu Spiel besser werden, das Ausscheiden aus dem Pokal gehört leider auch zu unserem Lernprozess. Durch den enormen Umbruch bei der SGS Essen habe ich mir gute Chancen ausgerechnet, Einsätze in der Bundesliga zu bekommen. Bisher hat das auch fast immer geklappt. Denn nur wenn ich spiele, kann ich dazulernen und mich verbessern.”

Während deiner aktiven Zeit bei der SpVg Brakel hast du im Kreis Höxter immer für Aufsehen und Furore gesorgt. Verfolgst du noch den Fußball bei der Spvg und hast du noch Kontakt zu einigen aus dem Kreis?

Carlotta Wamser: “Natürlich schaue ich immer auch nach den Ergebnissen meiner ehemaligen Mitspieler, das ist doch klar.”

Abschließend wünschen wir dir weiterhin alles Gute für die Zukunft. Wir drücken weiterhin die Daumen für einen erfolgreichen Weg.

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